Rötgesbüttel - Geschichte

Schützenverein Rötgesbüttel e.V. von 1953

von Wilfried Reichelt, Fotos: Dr. Kai Müller

Aus der Vergangenheit des Schützenwesens in Rötgesbüttel

Aus der Überlieferung der Rötgesbütteler Ortschronik vom Hauptlehrer Wilhelm Bolte vom 1. Novmeber 1952 war der Schützenverein der älteste und einzige Verein in früheren Jahren im Dorfe.

"Er ist uralt, sein Gründungsjahr ist unbekannt. Das Schützenfest wurde jedes Jahr von den jungen Burschen gefeiert."

Als Ergänzung zur Dorfchronik schreibt Heinrich Heuke vom 31.12.1982. Die älteste Scheibe von 1880 war im Jahr 1970 noch bei Karl Stute (Lippelt) zu sehen.

Wir können derzeit noch einwandfrei auf zwei vorhandene Schützenscheiben aus dem 19. Jahrhundert die Schützenfeste zurückverfolgen.

Die ältere Scheibe vom 3. Mai 1891 hängt in der Schulstraße 2 (Wohnhaus von Fette aus Vordorf).

Die andere Scheibe ist vom 14. Mai 1899 und hängt unterm Schirm bei unserem Schützenbruder Ernst-August Lippe auf dem Schierenbalken 8. Diese Scheibe wurde zum 20-jährigen Bestehen des Schützenvereines im Jahr 1973 aufgearbeitet und dort angebracht.

Unsere alte Königskette beginnt mit der Königsplakette des ersten Königs Heinrich Schrader, aus dem Jahr 1907,1908 war es Heinrich Möhle.

Die Königsplaketten mit den Namen der Großen Könige sind von 1907 an bis heute, ausgenommen der Kriegsjahre 1914 - 1918, 1940 - 1945 und der Jahre 1910, 1912, 1913, 1935 und 1937 alle vorhanden.

Festlichkeiten in vergangener Zeit

Einmal im Jahr vereinte sich die ganze Dorfgemeinschaft zu einer fröhlichen Feier draußen in der Natur, wo bei Tanz und Spiel in beispielloser Ausgelassenheit gefeiert wurde. Einige Tage vorher musste die Dorfjugend unter den herrlichen Bäumen hinter dem Büchenteich, den Festplatz durch "festtreten" herrichten. Jeder ehrbare Mann bekam einen Ehrentanz. Er musste "Vortanzen" und dafür einen entsprechenden Geldbetrag an die Musik zahlen.

Trotz aller Ausgelassenheit herrschte Sitte und Ordnung. Wer von den jungen Burschen "einen sogenannten Klotz am Bein hatte", das heißt: Wenn ein Mädchen ein Kind von ihm hatte und er sich nachher aus irgendwelchen Gründen weigerte, diese zu heiraten, der wurde ausgeschlossen. Wenn ein "Dickfelliger" trotzdem einen Tanz riskierte, wurde diesem eine "Diehe", das ist ein aus losem Stroh zusammengebundenes Bund, zugestoßen, während alle anderen Tänzer sich von der Tanzfläche zurückzagen.

Die Mädchen waren verpflichtet, mit jedem Mann der sie aufforderte, zum Tanzen zu folgen. Wenn aber ein junges Mädchen sich unterstand und den Tanz absagte, wurde sie mit Musik vom Festplatz geblasen.

Diese schönen Feste, worauf sich jeder ein ganzes Jahr lang freute, wurden später durch die Schützenfeste abgelöst, die nach und nach etwas an Bedeutung verloren, als durch Gründung von anderen Vereinen mehrere Feste im Jahr auf den neuen Tanzsälen mit neuzeitigen blanken Holzfußboden gefeiert wurde. (Ab ca. 1850 - 1870)

Vereinsgründung

Am 1. März 1908 wurde der "Schützen-Turn-Verein" gegründet.

Der erst Vorstand im Gründungsjahr bestand aus folgenden Personen:

  • Heinrich Möhle
  • Hermann Wehmann
  • Heinrich Schrader
  • Karl Hesse

Das Gründungs- und Vorstandsmitglied Karl Hesse ist 1924 in die USA Stacy/Minnesota ausgewandert. Der Sohn von Karl Hesse war nach 50 Jahren, 1974 erstmals in seiner alten Heimat Rötgesbüttel. Siehe Bericht in der Allerzeitung vom 21/22 September 1974.

Fünfunddreißig junge Männer, einschließlich des Vorstande, haben die handgeschriebenen und beschlossenen Statuten gleich unterschrieben. Einige Auszüge aus den Statuten:

§ 1. Regelmäßige Einübung des Gewehrgriffes sowie des Schießens, daneben die Gelegenheit und Anleitung zu geregelten Turnübungen und als Mittel zur körperlichen und sittlichen Kräftigung gefordert wird.

§ 12. Wer beim Schützenfest die Scheibe nicht trifft, muss 1,- Mark Strafe zahlen.

Wer damals nicht Mitglied des Schützen-Turn-Vereins war, durfte nicht aktiv am Schützenfest teilnehmen.

Aus dem Kassenbuch des Schützen-Turn-Vereines von 1930 geht hervor, dass 2 Tage Musik fürs Schützenfest 180 Mark kosteten. Maler Korn bekam für 2 Scheiben malen 12,- Mark und Scheibengucker Lickefett 15,- Mark. Tischler Schliewe für 2 Scheiben anfertigen 15,- Mark.

Das Tanzgeld für Damen betrug am ersten Tag 1,- Mark und für Herren 1,50 Mark. Am zweiten Tag für Damen 0,50 Mark und für Herren 1,- Mark.

Noch zu erwähnen ist, dass am Montag den zweiten Schützenfesttag die jungen unverheirateten Männer zum Eier- und Wurstsammeln durch das Dorf gingen, anschließend wurden die gesammelten Sachen beim Festwirt zubereitet und gegessen. Es bereitete allen viel Spaß und Gaudi und endete am nächsten Tag oft mit schwerem Kopf. Diese Sitte wurde bis zu Anfang der fünfziger Jahre beibehalten.

Aus der Vergangenheit ist noch folgendes zu berichten: Im Jahr 1930 war Herbert Ehrich (sen.) beim Königsschießen der beste Schütze. Nach der Auswertung wollte man ihm die Königswürde aus Standesdünkel nicht gewähren, denn er war damals als landwirtschaftlicher Mitarbeiter beim Bauern Christian Reinecke tätig. Die Königsscheibe wurde entführt und erst ein viertel Jahr später fand eine Feier auf dem Bauernhof Reinecke statt.

Vorsitzende vom Schützen-Turn-Verein (1908 - 1937)

1908               - Heinrich Möhle für ein Jahr Vorsitzender.

1909 bis 1920 - Lehrer Robert Severin für zwölf Jahre Vorsitzender

1921 bis 1928 - Lehrer Heinrich Holze für acht Jahre

1929 bis 1932 - Lehrer Kurt Ackenhausen für vier Jahre

1933 bis 1934 - Eisenbahnbeamte Lorenz aus Clausthal für zwei Jahre

1935 bis 1937 - Willy Reichelt für drei Jahre

Vorsitzende vom VfL - Rötgesbüttel (1938 - 1952)

1938 wurde der "Schützen-Turn-Verein" in den "Verein für Leibesübungen - VfL Rötgesbüttel" umgenannt.

1938 bis 1940 - Willi Knupper für drei Jahre

1941 bis 1945 - Willy Reichelt für fünf Jahre

1946 bis 1948 - Heini Köther für drei Jahre

1949 bis 1953 - Hermann Knigge für vier Jahre

Am 28. März 1953 wurde der jetzige Schützenverein Rötgesbüttel gegründet.

Die alte Fahne aus dem Jahr 1908 vom Schützen-Turn-Verein existiert noch und ist im Besitz vom VfL - Rötgesbüttel.

Im ersten Weltkrieg fielen acht Mitglieder vom Schützen-Turn-Verein.

Auswirkungen des Nationalsozialismus

Auch das Schützenwesen in Rötgesbüttel wurde von den Maßnahmen der Nationalsozialisten nicht verschont. Mit einer Verfügung vom 23. Mai 1933 ordnete der „Reichssportführer und -kommissar“  Hans von Tschammer und Osten die Schaffung einer Dachorganisation für den Schießsport an, die den Namen „Deutscher Schießsportverbund" bekam. Ihm musste der Deutsche Schützenverbund und alle Jagd- und Schießsportgruppen beitreten. Auch diejenigen Vereine, die nur einmal im Jahr ein Schützenfest als Volksfest veranstalteten, fielen unter diesen Erlass. Nach der verordneten Selbstauflösung der anderen Verbände war ab dem 1. Januar 1937 nur noch der neu geschaffene zum „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen" gehörende „Deutsche Schützenverband" für den Schießsport maßgebend.

Auf der außerordentlichen Generalversammlung vom Schützen-Turn-Verein am 14.06.1938 bei Gastwirt Möller war die Tagesordnung: Zusammenschluss mit dem 1921 gegründeten Sportverein. Auf dieser Versammlung wurde der Zusammenschluss zum 18.06.1938 offiziell vollzogen.

Ab diesen Termin hieß der Verein „Verein für Leibesübungen“ = VfL - Rötgesbüttel.

Damit erlosch nach über dreißig Jahren Zusammengehörigkeit der Name vom „Schützen-Turn-Verein“.

Im Jahr 1939 fand das letzte Schützenfest vor dem Weltkrieg statt, in dem Heinrich Rickmann Großer König wurde. Die Schützenscheibe hängt heute noch am Wohnhaus der Familie Betker, Sandkamp 14.

Leider wurden fast alle Unterlagen aus der Nazizeit vernichtet, so dass nicht alles zur vollsten Zufriedenheit geklärt werden konnte.

Gründung des Schützenvereins Rötgesbüttel

Von den damals ca. 50 Mitgliedern im Gesamtverein verloren im Zweiten Weltkrieg zweiundzwanzig Kameraden ihr Leben. Dieses führte nach 1945 dazu, dass die Meinung vertreten wurde, nie wieder eine Waffe anzufassen.

Die jungen Burschen jedoch wollten wieder ein Schützenfest feiern. Sie taten sich als „Junge Gesellschaft“ zusammen und veranstalteten 1948 das erste Nachkriegsschützenfest.

Der erste Schützenkönig war Leo Schubert, 1949 Heinrich Meinecke, 1950 Otto Wolter, 1951 Kurt Rohde und 1952 war Bodo Riechelmann Großer König.

Das Schützenfest war am zweiten Sonntag im Mai. Dazu wurden von den nichtverheirateten Männern die Damen eingeladen. Als äußeres Zeichen der Zugehörigkeit trugen die Männer an den Hosen, rote Biesen. Das tragen der roten Biesen wurde bis 1970 beibehalten. Der Große König und der Kommandeur trugen goldene Biesen, der Kleine König silberne Biesen.

Zu den Umzügen durch das Dort mussten die Könige und der Kommandeur hoch zu Ross reiten. Manchem ungeübten Reiter ist dabei der Schweiß ausgebrochen. Bis 1959 wurden die Umzüge so gestaltet. Danach wurden die Könige mit einem PKW gefahren, in der heutigen Zeit gehen die Schützen und die Könige beim Umzug zu Fuß.

Die „Junge Gesellschaft“ richtete die Schützenfeste von 1948 bis 1952 aus. Der Schützenkönig wurde damals nach der Art „Wilhelm Tells“ mit der Armbrust ausgeschossen, andere Waffen waren von den Alliierten verboten.

Der Schießstand

Der in den dreißiger Jahren erbaute Schießstand befand sich in der Vergangenheit mitten im Ochsenberg und neben den Saal beim Gasthaus Möller.

Das Luftgewehrschießen fand auf verschiedenen Ständen statt, zuerst bei Gastwirt Ehrich auf dem Hof und bei Gastwirt Tietje (Ruge) in der alten Diele (heute der große Gruppenraum) und auf dem Saal von Möller’s Gasthaus. Später fand auf dem kombinierten Schießstand (Luftgewehr - Kleinkaliber) beim Gastwirt Ruge das Schießen statt. Die alten Schießstände waren teilweise ohne Blenden und ausreichender Anzeigendeckung für den Scheibengucker.

Kinderschützenfest

Das Kinderschützenfest jedoch wurde bis Anfang der fünfziger Jahre vom VfL ausgerichtet. Die überlieferte Ansprache vom Kinderkönig beim Schützenfest bis in die fünfziger Jahre lautete:

                         „Wir kommen gegangen geschritten.

                                    Pferde haben wir nicht,

                            deshalb kommen wir geschritten.

                        Pferde haben wir auf dem Hofe stehen,

                           deshalb müssen wir zu Fuße gehen.

                                    Musikanten stimmet an,

                             dass ich noch einen trinken kann.“

 

Es gab dann für die Kinder ein Glas Brause bzw. Saft.

Diese Chronik beinhaltet nur die Zeit vor der Gründung des Schützenvereines am 28. März 1953. Sie ist als Ergänzung der im Mai 2003 vom Schützenverein erschienener Festzeitschrift und zum besseren Verständnis der Vergangenheit des Schützenwesens in Rötgesbüttel anzusehen.

Denn ohne Kenntnis der Vergangenheit, gibt es eine geschichtslose Zukunft.

Ich möchte mich auf diesem Wege bei Allen aufs herzlichste bedanken, die mir für diese Chronik Unterlagen und für die Bilderausstellung alte Fotos zur Verfügung gestellt haben.

 

 

Wilfried Reichelt

im Juli 2003, mit Ergänzungen vom März 2007.

Anhang

Eine mir oft gestellte Frage, wie lange besteht der Schützenverein in Rötgesbüttel überhaupt?

Wenn man nur den Namen Schützenverein sieht, kann man als Gründungstermin den 28. März 1953 ansehen. Wenn man aber die Gesamtgeschichte des Schützenvereines in Rötgesbüttel miteinbezieht, ist das Gründungsdatum des Schützenvereins der 1. März 1908, damals als „Schützen-Turn-Verein" gegründet.

Ausdruck:http://www.roetgesbuettel.de/vereine_gruppen/schuetzenverein/geschichte/ (18.08.2019)

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